Mit Liebe oder gar nicht

Leben, Arbeit – die Arbeit, die ich anstrebe – heißt Veränderung. Bewusste Veränderung, über die man nachdenkt, spricht, sich austauscht, lernt, reflektiert. Um dann die Dinge zu verbessern. Das ist zumindest der Anspruch.

Mein Leben veränderte sich grundlegend, als ich vor 2 Jahren aus London in meine alte Heimat in Nordostdeutschland zog. Hier ist das Leben stehengeblieben. Nichts verändert sich. Anscheinend. Natürlich geschehen auch Veränderungen, sie haben aber keinen Platz im Alltag, man spricht nicht darüber, man kämpft dagegen an und irgendwann wird man von ihnen überrannt. Man beklagt sich nur, wo man absolut keine Chance hat, gehört zu werden. Man schreibt einen wütenden Kommentar, denn natürlich ist man wütend, weil man keinen Einfluss hat und die neue Unterklasse bildet – das haben Ex-DDR-Bürger und ganz normale Twitter User gemeinsam.

Der Widerstand hat seine Gründe – zum einen haben die Menschen hier vor dreißig Jahren einen grundlegenden, traumatischen Umbruch durchlebt. Dann ist eine ganze Generation weggezogen. Ich empfehle zum Thema, speziell in dieser Region, dieses Buch.

Innovation ist Veränderung, die man selbst in die Hand nimmt. Das ist in dieser Gegend keine Normalität, hat keinen Platz. Ein Vorschlag wird als Beschwerde und im schlimmsten Fall als persönlicher Affront verstanden. “Das ist heute (sprich: woanders) nicht mehr akzeptabel” ist kein Argument. “Das machen Leute schon seit 10, 20, 30 Jahren so (woanders)” auch nicht.

Siehe auch “Organisationen funktionieren nicht mehr rein hierarchisch (woanders)”. Oder “Menschen gehen besser miteinander um. (Woanders.)” “Führungskräfte kommunizieren direkt und authentisch. (Woanders.)” Nichts davon resultiert in einem Funken von “jetzt weiß ich, wovon sie spricht, das existiert objektiv, ich habe schon davon gehört.”

Wenn Buzzwords keine Funktion haben, kein Verständnis schaffen, kann man sie weglassen.

Jetzt bin ich also dabei, neue Gründe für meine Arbeit (die ich gern irgendwann wieder machen würde) zu finden. Meine Motivation zu hinterfragen, zu erforschen und zu beschreiben. Denn die Veränderungen im menschlichen Miteinander, die seit zehn Jahren mein Arbeitsinhalt sind, werden auch hier gebraucht. Da bin ich mir nach diesen Monaten im Arbeitsalltag anderer Menschen sicherer als je zuvor. Obwohl man bei so viel Widerstand gegen Veränderung auch mit einem einfachen “das ist hier halt so” reagieren könnte.

Was will ich also anstoßen, wenn ich nicht einfach nur eine Welle reite und, wie vor zehn Jahren, zufällig mit den richtigen Worten zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin?

Gibt es einen Grund, der so viel Gewicht hat, dass ich mir Gehör verschaffen kann, wo Jüngere und Männlichere gescheitert sind?

Der Tempel für Agape, die Liebe zu unseren Mitmenschen. Ein Kunstprojekt im Rahmen des Festival of Love auf der Southbank, London, 2014
https://www.archdaily.com/532618/temple-of-agape-morag-myerscough-luke-morgan

Liebe.

Ohne Liebe geht nichts. Ohne Liebe soll auch nichts gehen. Ohne Liebe kann man anderen nicht wirklich vertrauen. Liebe ist eigentlich der einzig gute Beweggrund, etwas zu tun. Gleichzeitig fehlt es überall an Liebe und genau da ist meine Motivation.

Gibt es ein wirtschaftliches Argument für Liebe? Einen Geschäftsnutzen? Einen Business Case, auf gut Neudeutsch? Dafür, Liebe einen Platz im täglichen Arbeitsleben zu geben?

Ohne Liebe 1

Liebe ist die Zutat, die digitaler Kommunikation ihre Kraft gibt, Organisationen zu transformieren. Als Twitter plötzlich die neue Norm war, wurde die völlig andere Kommunikation in Online Communities, in denen sich seit Jahrzehnten Menschen um Themen und gemeinsame Ziele herum vernetzt hatten, für alle sicht- und machbar.

Akademische Weisheiten darüber, wie Kommunikation funktioniert, galten nicht mehr. Jahrelange Studiengänge mussten umgeformt werden (das ist vielleicht eher ein Wunschdenken meinerseits.) Im Internet ging man menschlich miteinander um, jede/r konnte einfach teilnehmen, man hörte einander mit ehrlichem Interesse zu, es ging um Inhalte statt Äußerlichkeiten. Organisationen probierten das und hatten Erfolg. Einige probieren es immer noch und haben immer noch Erfolg. Aber das ist eine Minderheit.

Die große Mehrheit der digitalen Kommunikation ist von Kommunikationsabteilungen und althergebrachten Werten übernommen worden. Massenkommunikation reduziert Inhalte auf ihre kleinsten gemeinsamen Nenner. Menschen sind keine intelligenten Individuen, die Respekt und Liebe verdienen, sondern die dumme, blinde Masse.

Ohne Liebe ist Twitter, was es jetzt geworden ist: voller Hass. Das ist nicht einfach so passiert, das waren Geschäftsentscheidungen, die Twitter, die Firma, getroffen hat. Es geht tatsächlich anders: Wikimedia ist eine ähnliche Organisation mit ähnlicher Reichweite, die sich in eine andere Richtung entwickelt hat, mit einem Netzwerk von Idealisten, die die Ideen und Ideale der Wikipedia aktiv weitergeben. Twitter hat stattdessen Marketing- und Kommunikationsexperten ohne vorherige Online-Erfahrung eingestellt, denen die Community, die ganz normalen Menschen, nichts bedeuteten und die stattdessen die althergebrachte Methode der Promi-Werbung einführten, um für die Plattform zu werben.

Die Werte, die es groß gemacht haben, hat Twitter ignoriert. Liebe wegzulassen heißt für die Plattform, ihre Nutzer und so ihren Wert zu verlieren.

Ohne Liebe 2

Organisationen in MV benutzen Social Media, wenn sie es tun, genau wie traditionelle Kommunikationsmethoden. Nach außen gerichtet, nicht nach innen. Die Rolle eines Community Managers gibt es nicht. Die Community, das heißt ganz normale Menschen die ein Interesse an der Organisation haben, existiert im Bewusstsein von Entscheidungsträgern, wenn überhaupt, nur als Statistik, die entscheidet, wieviel Aufmerksamkeit dieser moderne Quatsch noch verdient. Das alles war doch nur Spölkram, das wusste man doch schon immer. Irgendwann wird es abgeschaltet.

Menschen, die nicht respekt- und liebevoll behandelt werden, reagieren genau so wie wir es beobachten. Man ist nicht gerade nett zueinander. Das ist nicht, weil wir verrohen. Das ist, weil beim Aufbau von neuen Kommunikationskanälen etwas Essentielles ausgelassen wurde.

Ohne Liebe 3

Statt einer reichhaltigen, interessanten und interessierten Community, mit der wir uns austauschen können, mit der wir Spaß haben, neue Erfahrungen machen und wichtige Dinge beeinflussen können, denken wir beim Thema Social Media an Influencer. Influencer sagen zwar, dass ihnen die Community, die sie aufgebaut haben, wichtig ist, aber das ist nur, weil ihre Likes und Kommentare gut für ihren Status sind.

Ohne Liebe 4

Wo vor zehn Jahren jeder einen Blog haben konnte, sind Blogger jetzt nicht mehr wie wir anderen. Wo man etwas ohne Liebe macht, macht man es nicht für andere. Ohne Liebe hat man kein Interesse, das, was man macht, einfach und normal erscheinen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Je größer der Abstand, den man sich vom Rest der Menschheit schafft, je elitärer man durch seine Tätigkeit erscheinen kann, desto besser fürs Geschäft. So entwickelt sich das Internet weiter weg von einem Ort, wo wir uns alle wohlfühlen und austauschen können.

Ohne Liebe 5

Veranstaltungen, Konferenzen, ohne Liebe organisiert, haben keinen nachhaltig positiven Effekt für ihre Besucher. Wer sich einmal einen Samstag auf einem Barcamp ganz normal digital vernetzt hat, wird diese Art der Veranstaltung nie wieder vergessen. Im besten Fall organisiert man dann gleich selbst eins, weil es so einfach ist. (Das waren tatsächlich die Reaktionen nach dem Localgovcamp, das ich 2010 in London organisierte.) Konferenzen ohne ein wirkliches Interesse daran, nützlich zu sein sind dann nicht mehr gut genug.

Aber warum, wenn Separation besser fürs Geschäft ist?

Ohne Liebe 6

Bleiben wir beim Thema, Von wem lernen Menschen über Innovation? Wieviel von seinem Wissen gibt man weiter, wenn man es nicht aus Liebe tut? Geschäftsleute, Consultants, tun es für den Profit, das ist klar. Aber selbst, wenn Akademiker über Digitales reden, ist das Motiv nicht immer, es anderen leicht und verständlich zu machen. Ohne Liebe denken sich Akademiker nichts dabei, sich von der Masse zu separieren, elitär zu handeln, statt Neues für alle zugänglich zu machen.

Ohne Liebe 7

Und endlich wieder zum ganz Großen: Dinge verbessern wollen

Es gibt eine “Initiative Neue Qualität der Arbeit”, vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales ins Leben gerufen. Ihr Schlüsselprogramme heißen Unternehmenswert:Mensch und Unternehmenswert: Mensch Plus (dieser Teil mit Digitalisierung als Hauptinhalt). Diese Programme sollen mittelständischen Unternehmen eine moderne Unternehmenskultur vermitteln.

Um sich als Prozessberater/in zertifizieren zu lassen, machen die Interessierten einen Online-Kurs. Jetzt sind sie zertifiziert und können so in Unternehmen gehen und sie modernisieren.

Wieviel wirklich Neues man mit dieser Methode selbst lernen und dann anderen vermitteln kann, kann ich nicht beurteilen. Ich habe nur eine Anekdote: Ich absolvierte einen Monat vor der gegenwärtigen Krise noch einen zweiwöchigen Kurs für Gründer. Der Lehrer hatte sich gerade als Prozessbegleiter (beide Teile) zertifizieren lassen. Er war zwar eine interessante Persönlichkeit, mit der ich auch weiterhin Kontakt habe, aber nichts zeugte von einem auch nur grundlegenden Verständnis oder praktischer Erfahrung von digitaler Kommunikation.

Auch die Initiative selbst benutzt Twitter nur als Sprachrohr – wenn man den Anspruch hat, ein Netzwerk aufzubauen und zu unterstützen, kann das anders aussehen. Es wäre so lustig, wenn es nicht so traurig wäre: Man hat Twitter gewählt, statt Facebook. Gut! Twitter ist wirklich das beste Werkzeug der Welt für genau diesen Zweck! Sich mit Liebe um seine Leute kümmern, denen man mit Liebe weitergegeben hat, was sie anderen mit Liebe weitergeben sollen, damit diese die Leute in ihrer Organisation mit mehr Liebe behandeln können.

Und dann tut man es nicht.

Moderne Unternehmenskultur ist tatsächlich einfach menschlich, bevor sie irgendetwas anderes ist. Digitale Transformation steht, unter anderem, für die Möglichkeit, eine Arbeitswelt mit mehr Menschlichkeit zu schaffen. Wer besser kommunizieren, und so besser arbeiten will, macht es am besten mit Liebe – nicht vorgetäuschter Liebe, sondern echter Authentizität. Man kann in sich gehen, sich verändern, nichts muss mehr absolut und sicher sein, das Leben ist nicht absolut und sicher, auch als Chef. Das geht tatsächlich. Es gibt viele negative Ausdrücke dafür, besonders im Deutschen: Sich keine Blöße geben, zum Beispiel. Aber das ist Teil der modernen Organisation: Althergebrachte Werte zu hinterfragen. Wir haben es ja auch geschafft, Frauen als Menschen zu akzeptieren. Die Komplexität wächst, man kann nicht mehr alles mit starker Hand regieren, sich mit Macht Respekt verschaffen. Man muss zuhören lernen, reflektieren, sich verändern. So wie man es auch von anderen verlangt.

In vielen Umgebungen ist das unheimlich schwer und scheint aussichtslos. Aber es geht, man muss es nur beginnen.

Wenn man das lernt, kann man anderen Menschen vertrauen, mit Liebe zu reagieren, statt Wut, Spott, all den anderen Gefühlen, die oft das Resultat von Ohnmacht sind. Die auch alle ganz normal sind nach den Jahren, in denen wir in kalten, starren Hierarchien gearbeitet haben und einfach funktionieren sollten. Alles, was wir fühlen, ist echt und hat seinen Platz, auch Negatives. Man muss das Projekt trotzdem angehen.

Das menschlichste aller Gefühle ist Liebe. Wir brauchen eine riesengroße Dosis davon, um starre Hierarchien aufzubrechen, um Anderssein zu erlauben und unterstützen, um wieder als ganze Menschen miteinander, statt gegeneinander zu arbeiten.

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