Ideenwettbewerb

https://drive.google.com/drive/folders/1bsjk6k5P-0Z4aAVO3hINhSlvKYANkj_3?usp=sharing

Ideenwettbewerb „Trachten neu erleben“

Analyse

Ursprung

Ich bin neu in Rostock, nach vielen Jahren im Ausland.

Ich komme zwar von hier, habe aber seit 1989 nicht mehr hier gelebt. Also wollte ich einen Weg finden, hier wieder heimisch zu werden.

Ich spinne in meiner Warneminner Jacke. Lange Nacht der Museen, Heimatmuseum Warnemünde, Oktober 2017

Ich mache viel von dem, was ich trage, selbst. Also war es logisch, etwas, das sich visuell auf meinen neuen Lebensabschnitt bezieht, zu machen. Dann wurde mein Angebot, an der Langen Nacht der Museen im Heimatmuseum Warnemünde teilzunehmen, angenommen, und ich hatte einen Grund, etwas zu produzieren.

Es sollte einen starken visuellen Bezug zum Ort haben, aber an Trachten bin ich nicht sehr interessiert. Sie beziehen sich mehr auf die Kultur in einem bestimmten Jahrzehnt in der Geschichte – in der Warnemünder Trachtengruppe ist es um 1840 – als auf einen Ort. Und besonders Frauenkleider hängen immer von der Rolle der Frau ab. Wo es in einem Jahrhundert nicht genug umgeschlagene Röcke um den Bauch geben kann, ist in einem anderen die Brust mit einem steifen Brett eingeschnürt. Später gibt es die Korsetts, die die Trägerin nicht atmen oder verdauen lassen. Wie viel davon hat wirklich mit Tragekomfort zu tun?

Was mich also interessierte, war, etwas zu finden, was visuell von hier ist, und vom Durchschnittsmenschen so erkannt wird. Etwas, was attraktiv genug ist, dass man es tragen will, und doch alltäglich genug, dass man es in der nicht sehr toleranten Atmosphäre dieser Gegend auch tragen kann.

Ziel

Ein ganz hochgestecktes Ziel wäre es, eine örtliche visuelle Tradition zu schaffen.

So wie man zum Beispiel einen Isländischen Pullover oder einen Estnischen Schal tragen kann, wie es in Norwegen zu jeder Winterolympiade und Weltmeisterschaft einen offiziellen Pullover gibt und Fischerjerseys, Guernseys oder Ganseys, die ursprünglich von den Channel Islands kommen und denen man ansieht, in welchem schottischen oder holländischen Fischerdorf sie gemacht wurden. Sowohl in Schottland als auch in den Niederlanden werden diese Traditionen weitergeführt und neu erfunden. Es gibt Aran und natürlich Fair Isle, Strickstile, die alle ihren Namen von den Inseln, auf denen sie überliefert wurden, behalten haben. Und es gibt Muster aus den Anden.

A Norwegian knit from the 1941 championship in Cortina, worn by @hyper_linda. Epic. #knitwear #sweaterspotting #norway

Pullover des Norwegischen Teams für die Weltmeisterschaft Cortina d’Ampezzo 1941. Foto: Anke Holst

Finished #lopapeysa. #knitting #knittersofinstagram #plötulopi #craft

Isländischer Pulllover, selbstgestrickt. Foto: Anke Holst

One for @sweaterspotter. An AMAZING alpaca sweater.

Muster aus den Anden. Foto: Anke Holst

Vorgehen

Also versuchte ich, örtliche Muster zu finden, die ich in gestrickter Kleidung verarbeiten konnte, wurde aber nicht fündig. Es gibt keine örtliche Strickkultur. Die Warnemünder Frauen trugen Long Shawls, die von Seeleuten mitgebracht wurden. Das ist dann ein Paisley-Muster, dass sich auf Persien und die Seidenstraße bezieht. Also auch nichts wirklich Örtliches.

The most amazing Paisley shawl I’ve ever found in a carpet shop

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Gestricktes nach Jugendstilmustern für Kreuzstich. Arbeit und Foto: Anke Holst

Stickmuster, wie zum Belspiel Kreuzstichhefte, sind auch eine gute Quelle für Strickmuster, da sie auch aus Motiven in einem Raster bestehen. Es gibt eine viel größere Auswahl an historischen Kreuzstichmustern als an Mustern für das zweifarbige Stricken. Aber auch für Kreuzstich gibt es sehr wenig an überlieferten, wirklich örtlichen Mustern, die hier angewendet wurden und nirgendwo sonst.

Es wurde eine richtige Herausforderung. Ich sprach mit der Leiterin der Trachtengruppe. Ich besuchte die Weberin Ines Heinrich in Warnemünde und wurde immer noch nicht fündig.

Also beschloss ich, weiter die Augen aufzuhalten, mit dem Ziel, eine Sammlung von Mustern zusammenzustellen, die in verschiedenen gestrickten Textilien genutzt werden können.

Rücken und Ärmel der Warneminner Jacke. Arbeit und Foto: Anke Holst

Für meine Warneminner Jacke zur Langen Nacht der Museen begnügte ich mich zum Schluss mit maritimen Referenzen in gedeckten Grautönen und farbigen Akzenten. Anker und Seile sind aber nicht wirklich etwas, das diese Region einzigartig macht.

In der Kombination mit den Grautönen und den Zöpfen hat die Jacke aber durchaus das Ziel erreicht. Ich wirkte traditionell und örtlich gekleidet, genau, wie man es als Teil der Ausstellung im Heimatmuseum sein sollte.

Kunst am Bau

Eine meiner Motivationen für meinen Versuch, etwas, das visuell “von hier” ist, zu machen, noch bevor ich von diesem Wettbewerb hörte, war, mit neuen Augen durch die altbekannte Heimat zu gehen und so meinen Bezug zu ihr ganz bewusst zu gestalten. So kamen meine Designs ganz von sich selbst aus dem, was ich sah.

Die Kunst am Bau ist etwas, was Rostock einzigartig macht. Viele andere Hansestädte haben Hansehäuser, andere Hafenstädte haben Fische, Möwen und Koggen. Keine andere Gegend hat eine Inge Jastram, einen Reinhard Dietrich. Diese Künstler wollten für Gestaltungen von zum Beispiel Giebeln an neuen Plattenbauen die gleichen Fragen beantworten. Was ist wirklich ortstypisch, und nicht nur Tradition?

Ich habe großen Respekt vor ihnen als Künstler, also habe ich ihre Arbeit oft zu Rate gezogen.

Methode

Ich entwerfe Jaquardmuster auf 24 Pixel Breite mit variierender Länge. Jaquard bedeutet, dass der ungenutzte Faden hinter der Arbeit mitgeführt wird. Das heißt, dass eine waagerechte Reihe zwei Farben enthalten kann. Senkrecht können die Farben theoretisch mit jeder Reihe wechseln.

Der Hintergrund ist, dass ich anfing, eigene Muster zu entwerfen, als ich eine Strickmaschine Brother KH900 erbte, in die man bis zu 24 Pixel breite Muster Pixel für Pixel programmieren kann. Einmal programmiert, kann man diese Muster in verschiedenen Farben und Materialien immer wieder neu erfinden. 

Ich mag die kreativen Grenzen, in denen man sich bei dieser Art des Schaffens bewegt. Man kann zwar mit moderneren Strickmaschinen ohne weiteres ein ganzes Foto abstricken, da fehlt aber oft der künsterlische Aspekt.

Bei Mustern, die sich Diese Designs kann man dann in gestrickter Kleidung und anderen Textilien verwenden. 

Ich benutze eine Bildbearbeitungssoftware, Gimp, und Chartminder zum Testen von Ideen.

Formen

Nach meiner Rückkehr nach Rostock beobachtete ich auch, was örtlich getragen wird. Es sind hauptsächlich Jeans, sogar mit guten Wollmänteln. Das begründet sich vielleicht daraus, dass Jeans in diesem Teil Deutschlands lange für Rebellion, Jugend und Mode standen. Ich persönlich finde, dass es, sowohl vom Tragekomfort her als auch von der Optik, viele schönere Sachen gibt.

Allerdings ist es auch typisch für diese Region, nicht zu viel und zu schnell Neues zu probieren. Deshalb der Fokus auf Muster, die an sich unisex und die für verschiedene Arten von Kleidungsstücken passend sind, die in verschiedenen Farben gestrickt die frau dann ganz konservativ mit Jeans tragen kann oder, wenn der Anlass danach ruft, mit einem Rock. Für Männer gibt es Pullover, Jacken und Mützen in den tragbaren Farben der Region. Alles hat den Anspruch, tragbar mit visuell klaren und frohen Akzenten zu sein.

Ich interessiere mich weniger für den Entwurf von Formen, einerseits weil da wenig Spielraum besteht, andererseits, weil ich meine Stärke im Entwerfen von Mustern sehe. Ich habe einige Kleidungsstücke vorgeschlagen – die Formen verstehen sich meist als minimal und austauschbar.

Der Wiedererkennungswert eines guten, einzigartigen Musters transzendiert die Form des schlussendlichen Kleidungsstücks.

Farben

Ich habe für jedes Muster zwei Farbgestaltungen vorgeschlagen, eine gedeckte und eine, die mehr hervorsticht. Diese können aber weiter variiert werden, je nach Anlass und Zielgruppe. Ich bin kein Fan von einer deutlichen Trennung von männlichen und weiblichen Mustern und Farben. Farbigere Kleidungsstücke, zum Beispiel eine Weste, auf denen das Design klar zu erkennen ist, können auch von Männern mit gedeckten Lagen, z. B. einer dunklen Fischerjacke, kombiniert werden. Farben sind für die Wiedererkennung wichtig – ein Muster kann in einer Farbkombination wie ein Seil aussehen und in einer anderen wie etwas ganz anderes.

Material

Mein absolutes Lieblingsmaterial, und das Material in dem die Warneminner Jacke gearbeitet ist, ist Schurwolle der Marke JC Rennie. Sie wird in einer uralten Spinnerei in Schottland gesponnen, kommt eingefettet auf Konen, zum leichteren Verarbeiten auf der Strickmaschine, und “blüht auf” wenn das Kleidungsstück fertig ist und gewaschen wird. Dann verschränken sich die Fasern der verstrickten und mitgeführten Fäden, so dass nichts lose ist. Das Garn gibt es sowohl in vielen natürlichen Farben, als auch in einer großen Auswahl eingefärbter Töne.

Diese Wolle habe ich in der Warneminner Jacke verarbeitet. Mit der Maschine gestrickt ist sie warm, aber nicht zu warm und bildet einen sehr stabilen Stoff, ganz anders als man sich Gestricktes vorstellt. Schurwolle, auf diese Art verarbeitet, bietet einen wunderbaren Tragekomfort, kratzt natürlich nicht und der Wärme- und Feuchtigkeitsaustausch ist optimal. Das Kleidungsstück muss per Hand gewaschen werden, aber wegen den guten Eigenschaften der Wolle ist das Waschen nicht so oft nötig.

Es ist natürlich auch möglich, diese Muster in maschinenwaschbarer Wolle (superwash) oder anderen Fasern zu verarbeiten. Diese Stoffe haben dann andere Eigenschaften.

Tracht und Slow Fashion

Diese Kleidungsstücke haben nicht den Anspruch, kurzlebigen, bedruckten Souvenirs Konkurrenz zu machen.

Das interessante an Trachten ist ja nicht nur das andere Aussehen der Stücke, sondern auch die anderen Materialien, die andere Machart, und daraus folgend, auch die andere Pflege, die sie erfordern.

Das Schlagwort dafür ist für diese Kombination ist Slow Fashion. Kleidung, die so gut und mit so viel Liebe gemacht ist, dass sie uns manchmal über Jahrzehnte begleitet. Dinge, für die wir dann auch die Opfer bringen, die sie erfordern, selbst wenn wir ihre langsamere Produktion nicht selbst begleitet haben: Die etwas aufwendigere Pflege, das vorsichtige Waschen, das Dämpfen oder Bügeln, das Auslüften und der Schutz vor Motten.

Das ist eine Kultur, die vielerorts genauso ausgestorben ist wie eine visuell örtliche Kleidung.