Anke Holst Digitales im öffentlichen Dienst
Digitales im öffentlichen Dienst

Begriffsverwirrung schafft Abhängigkeit

Wenn alles, was sich verändert, “digitale Transformation” ist, suchen wir auch nicht nach Antworten auf die genaue Frage, die wir haben. Wir sind halt keine IT-Leute, das ist digital, wir können das alles nicht verstehen. Stattdessen wollen wir jemand, der alles versteht und alles kann.

So jemand gibt es aber nicht. Sogar im verhältnismäßig kleinen Umfeld der digitalen Medien gibt es viele verschiedene Kompetenzmixe, je nachdem was man genau macht. Da kommt Soziologie, PR, Kommunikationswissenschaften, Sprachwissenschaften, ein bisschen IT zusammen. Um ein guter Community Manager zu sein, braucht man völlig andere Kompetenzen, als um Suchmaschinen zu optimieren, eine Website zu planen oder CSS code zu schreiben. Alles kleine Teile von “digitaler Kommunikation”. Und viele dieser Kompetenzen sind nicht einmal “digital”.

Das Wort “digital” heißt eigentlich also gar nichts. Wir sollten es einfach nicht mehr anwenden.

Aber zur Zeit tun wir das noch. Überall wird über die digitale Transformation in der Pflege geredet, und es geht um absolut alles, von Robotics bis zu Videoanrufen beim Arzt.

Das führt dann dazu, dass die Menschen, die als Berater für digitale Transformation enden, eher “charismatische Anführer” sind, die sich zu viel zutrauen. Echte Experten würden sagen, dass sie nicht alles können. Ich habe schon oft kommentiert, dass sich das ganze Umfeld der “digitalen Transformation” in Deutschland, gerade weil wir nichts genau benennen, eher wie eine Religion anfühlt als wie eine Kultur der Innovation, und das genau ist der Grund: Wo wir Gurus suchen, ernten wir Abhängigkeit, keine Selbständigkeit.

Wenn wir aber Selbständigkeit erzielen, wo liegen dann die Kompetenzen, die jedes Mitglied einer modernen Organisation lernen muss?

Transparent arbeiten, Kollaboration. Wenn man es nicht mehr überblicken kann, muss man sich Hilfe holen. Und Hilfe gibt es überall, weil wir alle die gleichen Probleme haben. Nur wenn man sich abschottet und meint, dass man schon alle Antworten hat – oder, die andere Seite der gleichen Münze, dass es keine Antworten gibt -, seht man das nicht.

Ich finde es wirklich interessant, dass ich bisher von Menschen, die sich online nicht vernetzen, die negativsten Antworten bekommen habe. Die Managerin unseres örtlichen Kompetenzzentrums gibt es nicht einmal auf Xing, und sie glaubt absolut nicht daran, dass eine Organisation wie unsere kleine Uniklinik sich jemals verändern könnte. Unsere Klinikorganisation kann man nicht einmal soweit durchdringen, dass man herausfindet, wer denn eigentlich diese Beraterfunktion zur Zeit ausführt.

Das genau ist die Transformation: Kommunikation nicht als unwichtiges Anhängsel anzusehen, dass man der Kommunikationsabteilung überlässt, sondern etwas das jede und jeder von uns jetzt machen muss.

Und ja, ich weiß, was die Argumente gegen Transparenz sind. Aber die Formel ist wirklich so einfach: Wenn man aktiv an Kulturwandel arbeitet und Kulturwandel will, muss man das auch offen sagen, mit so vielfältigen Stimmen wie möglich, damit man so viele Mitglieder seiner Organisation wie möglich anspricht. Sagen, was genau man dafür tut. Ausreden findet man immer. Aber es geht, und das sieht man, wenn man über den Tellerrand schaut.

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