Anke Holst Digitales im öffentlichen Dienst
Digitales im öffentlichen Dienst

Abenteuer im Pflegedschungel

Heutiges Thema, mit dem alle pflegenden Angehörigen vertraut sind: Pflegeleistungen und ihre Gestaltung. Wieder laufe ich Gefahr, in das stereotypische “in Großbritannien war alles besser” zu fallen – da hatten wir natürlich auch Probleme. Aber in Großbritannien gibt es auch Carers UK, eine große, starke Lobby. Und das hat man als pflegende Angehörige gespürt.

In Deutschland sind wir irgendwie mit unserem Los zufrieden. Es ist halt so, kann man nichts machen. Pflege macht uns kaputt. Das ist so. Pflegende Angehörige müssen erst einmal Gesetze studieren, um zu wissen, was ihnen zusteht, und dann wie Löwen dafür kämpfen, weil sie haben ja so viel überflüssige Energie.

Zur Zeit gibt es Leistungen, die man einfach gar nicht bekommt. Der Entlastungsbetrag (monatlich EUR125, ab Pflegegrad 1) funktioniert so, dass entweder ein Pflegedienst oder ein Nachbarschaftshelfer dafür Entlastungsleistungen erbringen kann, man kann ihn nicht ausgezahlt bekommen. Als Privatperson muss man (hier in MV) eine Schulung machen. Schulungen können nur in den Pflegestützpunkten absolviert werden, obwohl sie online abgehalten werden. Und wegen der Pandemie gibt es zur Zeit keine Schulungen.

Also habe ich (wieder mal) ein paar Emails geschrieben. Ich habe jemand, der Nachbarschaftshilfe machen würde, er könnte aus diesem Topf bezahlt werden, statt dass das Geld am Ende des Jahres einfach verfällt. 70 Prozent dieser Gelder verfallen jedes Jahr. Weil pflegende Angehörige leider oft nicht die Zeit haben, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen.

Es ist 2020, könnte man die Schulung einfach von zu Hause online machen?

Das wird jetzt gerade für uns organisiert. Als Spezialfall. Was ja uns hilft, aber nur einer sehr geringen Anzahl anderer.

Diesen Post schreibe ich eigentlich mit dem Beweggrund, einen Satz in der Mail, die den heutigen Stand zusammenfasst, etwas zu erweitern. “Sie hätte sich [vom Pflegestützpunkt] eine bessere Kontaktpflege gewünscht.” Was würde ich mir also ganz konkret unter einem Pflegestützpunkt vorstellen?

Dass der Pflegestützpunkt proaktiv pflegenden Angehörigen hilft, Leistungen, die ihnen zustehen, zu erhalten. Statt uns das Gefühl zu geben, dass die Leistungen irgendwie vor uns geschützt werden müssen. Wir sollten nicht kämpfen müssen um die Leistungen zu bekommen, die uns zustehen. Dieser spezifische öffentliche Dienst ist für uns da.

Wer das Büro kontaktiert, ist entweder neu in dieser Rolle oder macht es schon länger, hat aber jetzt konkrete Bedürfnisse. Man muss also ernst genommen werden, sich zugehört fühlen. Ein Vorgang muss eingeleitet werden, um diese Bedürfnisse erst einmal herauszufinden und dann wo möglich zu erfüllen. Man muss willkommen geheißen und in eine Datenbank aufgenommen werden. Wichtige Neuigkeiten, wie zum Beispiel diese potentielle Veränderung in den Entlastungsleistungen, müssen nachhaltig und verlässlich kommuniziert werden. Eine Art Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, gehört auch dazu. Veranstaltungen und Vorträge zu organisieren, wenn das wieder möglich ist.

(Wie diese Vorgänge gestaltet werden, das ist Service Design. Die Existenz von Service Design und die dazugehörenden Kompetenzen werden im deutschen öffentlichen Dienst erst sehr langsam wahrgenommen, deshalb rede ich ständig darüber.)

Die Woche der pflegenden Angehörigen gibt es, sie wird in MV aber meist ignoriert. Warum? Uns in unserer schwierigen Aufgabe zu unterstützen, statt so völlig allein dastehen zu lassen wie wir es meist tun, würde für uns einen enormen Unterschied bedeuten.

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