Anke Holst Interkulturelles Training für den Ayurveda-Bereich
Interkulturelles Training für den Ayurveda-Bereich

Grenzen setzen

Für viele Menschen, die mit Ayurveda arbeiten, gehört eine gewisse Spiritualität dazu.

Gleichzeitig explodiert die Ayurveda-Szene in Deutschland gerade. Krankenkassen, Rehakliniken und Hotels laden Ayurveda-”Ärzte” ein, um dort ihre Weisheiten weiterzugeben.

Eine ins Unendliche wachsende Glaubwürdigkeit für eine “Wissenschaft”, in der jeder ein Experte sein kann, der aus Indien ist und sich als solcher verkauft, und dazu noch eine Szene voller Menschen auf der Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens – es ist nicht schwer, da einen fruchtbaren Nährboden für alle möglichen Probleme zu sehen.

Ich mag Ayurveda. Ich arbeite sehr gern damit. Ich habe aber auch schon genug falsche Gurus getroffen. Sie sind nicht immer auf Böses aus. Manchmal sind sie auch einfach sehr von sich und ihrer Version der absoluten Wahrheit überzeugt.

Organisationen, in denen Ayurveda praktiziert wird:

Wenn man sich als Hotel oder Rehaklinik eine Ayurveda-Abteilung aufbaut, muss man sich auf Probleme vorbereiten. Es ist nicht einfach eine weitere Abteilung. Man muss sich gegen das Umfeld einer spirituellen Gruppierung, eines Ashrams oder Tempels, abgrenzen können. Was kann Ayurveda, was kann es nicht? Bei welchen Krankheitsbildern setzen wir die Grenze? Oft machen Ayurveda-Ärzte das nicht automatisch, weil es keine Standard-Ausbildung zum Ayurveda-Arzt gibt. Also muss die Organisationsleitung dort einen Rahmen bilden.

Darf sich ein Ayurveda-Arzt den Doktortitel geben und verlangen, so angesprochen zu werden? Sagen wir, dass wir Ärzte im Haus haben, wenn wir Ayurveda-Ärzte im Haus haben? Was passiert, wenn Ayurveda-Ärzte ihre eigene Abteilung leiten und indische Zustände mitbringen, mit absoluter Hierarchie und Frauenverachtung?

Das sind alles Beispiele, die ich selbst erlebt habe. Es läuft in dieser Szene gerade ganz viel schief. Man muss Grenzen setzen und in manchen Fällen auch gegen die Wünsche der Ayurveda-Ärzte entscheiden. Dazu muss man sich sicher sein. Sich mit dem Doktortitel zu schmücken ist nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch in Deutschland nicht erlaubt. Selbst allopathische, “ganz normale”, Ärzte aus Indien müssen sich zusätzlich qualifizieren, bevor sie in Deutschland als Arzt arbeiten dürfen.

Je mehr man selbst weiß und je besser man die zu erwartenden Fallstricke kennt, desto besser kann man unsere eigenen Werte und die im Lande herrschenden Gesetze, nicht zuletzt das Arbeitsrecht, durchsetzen.

Menschen, die in diesen Abteilungen arbeiten:

Viele Menschen, die als Ayurveda-TherapeutInnen tätig sind, haben bereits eine breit gefächerte Karriere hinter sich. Da sind oft buntere Lebensgeschichten als wir sie aus der Hotellerie oder dem Gesundheitswesen gewohnt sind. Nicht wenige sind oder waren in Religionsgemeinschaften, manche haben Lebenskrisen hinter sich und sind auf andere Weise traumatisiert.

Diese Menschen werden in vielen Fällen, auch hier in Deutschland, von Ayurveda-Ärzten ohne jede Führungserfahrung, ohne jedes Wissen über Arbeitsrecht und Arbeitskultur geleitet. Der die Abteilung manchmal sogar als Tempel und sich als Gurufigur ansieht.

Und da ist dann noch die Sprachbarriere.

Probleme sind vorprogrammiert, das brauche ich nicht wirklich weiter auszumalen.

Leider sehen viele Menschen, die in solch einer Situation gefangen sind, nicht, dass der Fehler nicht bei ihnen liegt. Sie denken, sie müssen nur mehr meditieren, besser ihre neue Spiritualität praktizieren. Das ist ja die Lehre, die sie jetzt befolgen. Man soll ja weniger Probleme haben, nicht mehr. Und so entfernen sie sich immer mehr von ihren eigentlichen Bedürfnissen, setzen noch weniger Grenzen und öffnen sich einem noch tieferen Trauma.

Das ist leider auch vorprogrammiert.

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